RDCR-Wochenende im Thüringer Wald

No-Brainer der Woche: Fahrrad oder Bahn nach Stuttgart? Natürlich fahre ich mit dem Fahrrad, mit der Bahn würde es wieder schief gehen. Dafür geht es dann in Stuttgart schief: Der Regionalexpress AUS Würzburg fällt aus, es gibt keine Info, ob es den Regionalexpress zurück NACH Würzburg geben wird. Klassische Bahn-Pferdewette: ich setze nicht auf den RE nach Würzburg, sondern renne schnell rüber zum IC nach Nürnberg. Nach Rücksprache mit dem unflexiblem Schaffner kaufe ich ein Ticket und hoffe, dass der Zug nach Würzburg wirklich ausfällt, damit ich das Geld später wieder zurückkriege... Spoiler: Ich krieg das Geld zurück.

In Nürnberg gilt einmal mehr: vielen Dank an die Deutsche Bahn für einen nicht geplanten, schönen Aufenthalt! Ich weiß nicht mehr, wer mir Machhörndl Café in Nürnberg mal empfohlen hatte, aber: mega!

Um 17:01 Uhr habe ich es endlich nach Thüringen geschafft. Und der Anschlusszug in Sonneberg hat so viel Verspätung, dass ihn locker kriege. Jeder hat beim Aussteigen eine Zigarette im Mund. Mehrere haben im Zug oder auf dem Bahnsteig eine Bierdose auf dem Schoß. Spannend.

Die lustige Bummelbahn führt mit zwei Fahrtrichtungswechseln hoch auf den Rennsteig. Bergab wäre man mit dem Fahrrad sicher schnell als mit der Bahn, bergauf nutze ich gerne den bequemen RegioShuttle der Süd-Thüringen-Bahn. Um 18 Uhr komme ich in Neuhaus am Rennweg an, bei immer noch 33 Grad. Das wird eine richtige Hitzeschlacht morgen. 

Was ist eigentlich Morgen? Das RDCR extreme vom RADCORE Cycling Club. Ein extremes Radevent: man kann eine, zwei oder drei Schleifen fahren, also 122 Kilometer, 233 Kilometer oder die volle Dröhnung, nämlich 333 Kilometer mit 6400 Höhenmetern. Als Wieland und ich von dem Event gelesen hatten, war klar: Da müssen wir dabei sein. Unser Ziel: die ersten beiden Schleifen. Sprich: 233 Kilometer und 4.600 Höhenmeter. Uff. Mein bisheriger Höhenmeter-Rekord: 4.170. An dem Tag war ich aber „nur“ 140 Kilometer gefahren und wäre den Gaviapass fast nicht mehr hochgekommen. Wieland war auch noch nicht in diesen Sphären unterwegs. Irgendwann müssen wir damit ja mal anfangen.

Wieland holt mich am Bahnhof ab. Im Hotel erwartet uns das Meet&Greet. Um 18:30 Uhr gibt es das Briefing fürs Rennen morgen. Die Orga-Frage, die uns kurz erschreckt: „Reicht halb fünf oder will jemand schon um vier frühstücken?“ Aber die Frage macht schon Sinn, weil: „Die Besonderheit morgen: es ist halt einfach scheiße warm.“ Das RDCR beweget sich in einem Durchmesser von 30 Kilometer rund um Neuhaus am Rennweg. Schleife 1 beinhaltet den oberen Teil der steilsten Straße Deutschlands. "Ob die Schleife 3 zustande kommt, sehen wir morgen". Ich schreibe die Uhrzeiten mit, von wann bis wann welche Verpflegungsstation besetzt sein wird. Der wichtigste Tipp: "Ihr müsst euer eigenes Tempo fahren". Unser Ziel sind ja „nur“ die ersten beiden Schleifen, die Info „nach 17 Uhr sollte man nicht mehr die 3. Schleife starten“ interessiert uns nicht. Oder?

Wir müssen alle den Tracker in der Racemap-App starten. Damit sieht man morgen immer, wo wir und die anderen Teilnehmer sind – und die Veranstalter wissen, wann sie die Verpflegungsstation schließen können. 

Wir warten immer noch auf das Essen, als plötzlich David Möller auftaucht. Früher Rennrodel-Weltmeister, heute Sport-Staatssekretär von Thüringen. Als solcher wünscht er uns viel Erfolg beim morgigen Event durch „die harten, aber auch die schönen Seiten des Thüringer Waldes“ – und eröffnet endlich das Buffet: „Die Klöße für die Seele, die Pasta für die Beine.“



Ein paar Stunden später schlagen wir uns schon wieder die Bäuche voll. Um 5:18 Uhr steigen wir schließlich aufs Rad. Die Temperatur ist noch angenehm, die Sonne geht auf, die Strecke macht von Anfang an Spaß. An der Lichte-Talsperre machen wir ein schnelles Foto von der Staumauer, aber lange Stopps vermeiden wir natürlich. Über schöne Sträßchen geht es auf uns ab. Als wir bei einem erneuten Fotostopp zum ersten Mal in den Tracker schauen, sehen wir, dass gleich Dennis vorbeikommt, mit dem wir uns gestern Abend unterhalten hatten. Er ist überrascht, als es plötzlich „Hallo, Dennis!“ vom Straßenrand ruft.






An der ersten Verpflegungsstation treffen wir zum wohl letzten Mal die schnellen Rennradler, die nach uns gestartet waren und uns auf dem letzte Anstieg überholt hatten. Die so: Carbon-Materialschlacht. Wir so: Team Bierbank. Zumindest lehnen wir unsere Gravelbikes an eine Bierbank, weil ihre Rennräder die Fahrradständer belegen. Highlight der Verpflegungsstation, die eigentlich ein Camper ist, ist die Außendusche.






Es wird zunehmen heißer. Und wir sind weiterhin zügig unterwegs. Bei einem Festausschank können wir Wasser nachfüllen, bevor es aus dem Schwarzatal hoch geht. 250 Höhenmeter später ist die Flasche schon wieder leer. In einer Garage dürfen wir nachfüllen. Die Locals sind begeistert von uns, aber wahrscheinlich halten sie uns auch für bekloppt. Ganz Unrecht haben sie nicht...


Die steilste Dorfstraße Deutschlands in Deesbach ist wirklich verdammt steil – 25,3% im Durchschnitt, in der Spitze 27%. Ich quäle mir im Wiegetritt einen ab und krieg danach den Puls nicht mehr runter, Wieland schiebt. Wieland ist schlauer. Mir ist sofort klar: Nein, ich will morgen nicht am Steilschwein teilnehmen. Das wäre das Zusatzevent, quasi Teil 2 des RDCR: ein Ausscheidungsrennen auf dieser steilsten Straße Deutschlands. Die Veranstalter in ihrem großartigen Humor beschreiben das Ansinnen der Straße folgendermaßen: „Die ist quasi eins mit der Schwerkraft und wird ihr Bestes geben um euch an der Bezwingung […] zu hindern.“

Die letzten zehn Kilometer zurück nach Neuhaus sind ein zäher Kampf. Viel Steigung, viel Hitze, viel Verkehr. Um 11:35 Uhr haben wir die erste Schleife schließlich geschafft: 2.229 Höhenmeter, 122,9 Kilometer und 21,6 km/h zeigt das Gamin an. Mittlerweile sind auch hier oben 32 Grad. Jetzt erstmal Mittagspause 🥱🥱🥱🥱🥱🥱


Nachdem sein Magen jegliche Nahrungsaufnahme verweigert, steht für Wieland fest: es ist nicht Mittagspause, es ist Feierabend. Ich bin unentschlossen, ob ich alleine weiterfahren soll. Und entscheide mich falsch. Ich fahre weiter, aber auf Schleife 2. Das heißt: ich bin der letzte, der auf die Strecke geht und komplett allein. Wäre ich direkt auf Schleife 3 gewechselt, hätte das noch ein schöner Nachmittag werden können. So ist die erste lange Auffahrt nach der ersten langen Abfahrt eine furchtbare Qual. Wielands Hinterrad fehlt, die Frische von heute Morgen fehlt, die Motivation durch die anderen Teilnehmer fehlt, Schatten fehlt, die Hitze ist unmenschlich. 


Am Ende der Auffahrt finde ich einen Unterstand. Unter dessen Dach habe ich endlich mal wieder Schatten. Das heißt: 37 Grad. Ich entscheide, abzukürzen. Die Idee: wenn ich über den Rennsteig abkürze, habe ich endlich wieder Schatten – und ich kann endlich mal einen Vorteil daraus ziehen, dass ich anders als die meisten anderen (Rennradler) ein Gravelbike habe. Aber doppelt getäuscht: Komoot schickt mich dummerweise über den Rennsteig-Wanderweg und nicht über den Rennsteig-Radweg, da kann auch das Gravelbike nichts ausrichten. Und Schatten gibt es auch nicht. Danke für nix, Borkenkäfer.



An der Verpflegungsstation biege ich wieder auf die Schleife ein. Juhuu, ich sehe wieder andere Teilnehmer. Ich könnte jetzt einfach abbrechen und flach nach Neuhaus am Rennweg zurückfahren. Oder ich fahre die Schleife noch fertig, also noch verdammt viele Höhenmeter. Ich entscheide mich schon wieder falsch und folge der Schleife.


Erstmal kommt eine schöne lange Abfahrt. Dann kommt das letzte Highlight: ein ICE1 auf der Brücke der Schnellfahrstrecke. Und dann ist over und aus: Ich habe einen Platten. Ich hatte in Neuhaus vergessen, das Werkzeug von Wieland zu übernehmen, als ich alleine weitergefahren bin. Jetzt kann ich nichts machen außer mich beim Begleitfahrzeug melden. Aber das ist auf Schleife 3 eingebunden, da müsste ich länger warten. Ich sehe auf der Karte, dass ein Bahnhof in der Nähe ist. Alea iacta sunt: Ich belasse es bei „nur“ 175 Kilometern und 2.815 Höhenmetern und fahre mit der Bahn zurück. Geil war's trotzdem. Und stolz kann man auf diese Leistung ja durchaus sein, wenn man sie bei 37 Grad im Schatten erbracht hat. Die Finisher-Bratwurst haben wir uns auf jeden Fall verdient.




Strava meldet am Abend: Es waren meine zweitschnellsten 100 Kilometer ever. Für Wieland waren es nur die drittschnellsten 100 Kilometer in diesem Jahr... Egal, wie schnell wir waren: Finisher-Schiefer haben wir beide bekommen.

Am Sonntagmorgen meldet der Navigator: Die Bahnverbindung ab Neuhaus funktioniert nicht mehr. Also funktioniert auch meine Idee nicht, ohne Gepäck die dritte Schleife zu fahren. Stattdessen starten wir mit Rucksack und wollen nach Steinbach im Wald fahren und da in die Frankenwaldbahn einsteigen. Also die ersten 30 Kilometer der Schleife 3. Aber erstmal Frühstücksbuffet.

Die Strecke ist richtig richtig schön. Ich kann mich gar nicht entscheiden, ob ich die Abfahrten oder die Auffahrten schöner finde. Wir legen fest: Wir kommen nächstes Jahr wieder. Dann vollenden wir am Eventtag Schleife 1 und 2 – und am Tag danach Schleife 3. 





Ich will noch nicht um 10:30 Uhr in Steinbach in den Zug steigen, als Zugabe genieße ich stattdessen den Radweg parallel zur Frankenwaldbahn nach Kronach. Bayern zeigt gleich nach der Grenze, was es am besten kann: Straßen bauen. Der Achterbahnradweg oberhalb der vielspurigen Straße endet bald ich Nichts, ich muss auf der Bundesstraße weiterfahren. Im weiteren Verlauf geht es mal über Wirtschaftswege, mal über Straßen, mal über holprige benutzungspflichtige Gehwege. Immer leicht bergab, immer mit einem leichten Gegenwind, der die 35 Grad erträglicher macht.



In Kronach kurve ich ein bisschen durch die schöne Altstadt, dann suche ich noch einen Imbiss, bevor ich in den nächsten Zug einsteige. Ich freue mich auf einen Ayran und hätte mich auf Obst oder Salat gefreut. Aber meine Frage "Was gibt's denn zu essen?" wird beantwortet mit: "Nur Döner!" - "Dann nehm ich einen Döner". Der Döner ist furztrocken und furchtbar. Trockener Döner bei 35 Grad ist deutlich härter als Radfahren bei 35 Grad.

Ich würde gerne noch weiterradeln, aber ich traue der Bahn nicht, dass die mich am Nachmittag/Abend noch nach Hause bringt, also steige ich in Kronach in den Zug. Die Bahn hat für dieses Hitzewochenende eine Warnung vor sich selbst herausgegeben. Die Abfahrtstafel in Nürnberg zeigt: zu Recht. 0% Pünktlichkeit im Fernverkehr.


Die größte sportliche Herausforderung des Wochenendes war nicht das RDCR… 2,5 Stunden lang im überfüllten, überhitzten, umgeleiteten, unpünktlichen RE von Nürnberg Richtung Stuttgart das Fahrrad festhalten machen mich fertig. Ich fahre nicht bis Stuttgart durch, sondern fliehe in Waiblingen aus dieser fahrenden Hölle. Nichts wie raus und auf ein Verkehrsmittel wechseln, das auch bei 37 Grad Spaß macht. Im Schurwald finde ich endlich den Schatten, den wir im Thüringer Wald gesucht hatten. Die letzten Kilometer nach Esslingen sind ein schöner, heißer Abschluss eines schönen, heißen Wochenendes. 


Auf dem Weg zu meiner kleinen Steiermark-Radreise hatte ich übrigens heute vor 45 Tagen Schnee gesehen. Im direkten Vergleich sind mir 37 Grad lieber als Schnee. Irgendwas dazwischen wäre mal ganz nett.