13.12.2025: Die Anmeldebestätigung für den Ostalb Giro landet im Posteingang. Unser Plan ist der 240 km lange Gran Fondo, mehr geht nicht. Das Event steigt am 14.06.2026. Der Trainingsplan ist darauf ausgerichtet.
10 Tage vorher: Die Deutsche Bahn schreibt: "Der Fahrplan wird gerade angepasst. Bitte prüfen Sie 1-2 Tage vor der Reise erneut Ihren aktuellen Fahrplan."
6 Tage vorher: Es ist amtlich. Die Bahn hat den frühen Zug ersatzlos gestrichen. Wir haben keine Chance, pünktlich zum (Massen)Start des Ostalb Giro in Aalen zu sein. Gran Fondo ist tot, es lebe die "nur" 160 km lange Limes Tour.2 Tage vorher: ein Baum fällt in die Oberleitung, die Bahnstrecke nach Aalen ist bis auf weiteres komplett gesperrt. Die Umfahrungsmöglichkeit über Ulm ist baubedingt ohnehin gesperrt, die Ersatzbusse nehmen keine Fahrräder mit. Verkackt die sch* Bahn schon wieder ein lang geplantes Vorhaben?
1 Tag vorher: Die Bahnstrecke ist wieder eingleisig offen. Aber Wielands Fahrrad ist kaputt. Und Michaels Fahrrad auch. Wir diskutieren die ganze Zeit, was wir jetzt machen. Von Komplettabbruch bis Hotelzimmer in Aalen buchen und doch Gran Fondo ist alles dabei.
Michaels Fahrrad wird repariert, Wieland nimmt morgen ein Ersatzrad. Und ich? Radel schonmal nach Aalen, um unsere Startunterlagen zu holen. Dafür haben wir ja morgen früh dank Bahn keine Zeit mehr.
Die Radtour ist wunderschön, mit Rückenwind gehen die 75 Kilometer schnell vorbei. Und in Aalen am Startpunkt des Ostalb Giro herrscht richtig Volksfeststimmung mit Buden, Bühnenprogramm und Bums im Espresso.
Ich will mein Fahrrad in Aalen lassen, dann kann die Bahn die Fahrradmitnahme morgen früh nicht verkacken. Andererseits: was, wenn die Bahn morgen früh zwischen Esslingen und Stuttgart wieder komplett verkackt und ich kein Fahrrad dabei hab? Dieses Risiko erscheint mir noch größer, ich nehme mein Fahrrad wieder mit.
In Cannstatt übergebe ich Michael sein Startpaket. Daheim packe ich meines aus und entdecke allerlei Gutscheine und Gedöns. Nur die Fahrradhose, die ich bei der Anmeldung mitgekauft hatte, ist nicht dabei, die ich hätte ich wohl woanders abholen müssen...
Ich fülle meinen Notfallpass aus. Die Startnummer wird am Fahrrad montiert. Alles zusammensuchen, was ich morgen brauche: es wird ernst. Kein Gran Fondo, aber Grande Vorfreude. Wir haben keinerlei Zweifel, dass wir die 160 Kilometer und 2000 Höhenmeter der Limestour morgen schaffen. Aber die Bahnanfahrt: Nervenkitzel pur.
14. Juni: Es ist so weit. "Wettkampftag" sagt die Garmin-App. Um 3:20 Uhr schrecke ich zum ersten Mal auf, weil ich denke, dass ich verschlafen hab. Um 5:15 Uhr klingelt dann endgültig der Wecker. Zähne putzen, anziehen, frühstücken, aufsatteln. Von Esslingen zum Anschlusszug in Cannstatt fahre ich sicherheitshalber Fahrrad, die Bahn würde es mit 100% Zuverlässigkeit wieder verkacken.
Um 7.40 Uhr, also 40 Minuten nach dem Massenstart, piepsen in Aalen unsere Transponder an der Startlinie. Los geht's! Im Anfangsteil ist unterwegs richtig viel los – nur andere Radfahrer sehen wir keine. Dafür an jedem Abzweig Streckenposten, in jedem Dorf jubelnde Bewohner, Begleitmotorräder, Polizei. Krass, wie viele Menschen an diesem Event beteiligt sind.
Früher als gedacht sehen wir andere Radler mit Startnummer. Wir holen welche ein, die 40 Minuten vor uns gestartet sind (und mutmaßlich eine Panne hatten) und werden von welchen überholt, die 20 Minuten nach uns beim nächsten Massenstart (für den kürzeren Ostalb Classic) gestartet sind.
Die Streckenführung macht von Anfang an Spaß, aber ich kann es noch nicht richtig genießen, ich hab richtig viel Aua in Kopf und Beinen. Die Beinschmerzen sind bei mir Müdigkeit, bekanntes Phänomen. Das löst sich spätestens mit einem Kaffee an der ersten Verpflegungsstation. Aber wo kommt der Kopfweh her? Drückt der Helm das Käppi zu stark auf den Kopf? Zu wenig Koffein? Zu viel Sonne gestern? Ich weiß es nicht. Aber es wird sich zum Glück bald lösen.
Das Höhenprofil ist sehr fordernd. 2.000 Höhenmeter aufgeteilt auf 22 Einzelanstiege (laut meinem Garmin, laut Michaels sind es sogar 26) ist so viel anstrengender als einfach 2000 Höhenmeter am Stück hochfahren und gut ist… Besonders steil geht es zweimal aus dem Kochertal hoch. Wieland kündigt zum ersten Mal an, dass er nur die 100 km Ostalb Classic fahren will. Das wird noch nicht allgemein akzeptiert.
Wir kurbeln munter weiter und freuen uns über kreative Asphaltmarkierungen: „Keine Gnade für die Wade“, „Fast geschafft!“, „Brennen muss es!“, „Schmerzen vergehen, aber Strava ist für immer“.
Gegen 10 Uhr plündern wir die 1. Verpflegungsstation. Cola, Kaffee, belegte Brote, Schokoriegel, Äpfel, Erdbeeren, Bananen, Kuchen, Wasser, Isodrinks, Apfelsaft: Wir tanken und zapfen. Und schwingen und wieder auf den Sattel – endlich richtig wach. Das zweite Segment wird mein Lieblingssegment, auch wegen dem Rückenwind, den wir jetzt genießen.
Nach wenigen Kilometern (und einer 18 %-Abfahrt, auf der ein Krankenwagen einen gestürzten Radler einsammeln muss) folgt ein großes Highlight: die Bergwertung. Auf einer 1,9 Kilometer lange Auffahrt mit durchschnittlich 7,5 % und maximal 13% Steigung wird die Zeit (per Transponder in der Startnummer) gestoppt. Da heißt es natürlich: ballern. Mir fehlt der Herzfrequenzmesser (heute früh festgestellt, dass die Batterie leer ist…), so kann ich schlechter beurteilen, ob ich mich schon am Anfang zu sehr verausgabe. Aber gleich zu Beginn ist das steilste Stück, da muss man sich ja irgendwie verausgaben... Ich überhole durchaus ein paar Rennradfahrer unterwegs und Michael sieht von einer Attacke ab, obwohl es ihn schon gekitzelt hat. Am Ende lande ich mit 8:06 Minuten auf Platz 432 von 2.144 Männern. Beindruckender sind aber die 8:54 Minuten von Wieland (= Platz 823), der das ganze heute ja auf dem Trekkingrad machen muss.
Ich bin auch nach der Bergwertung weiterhin on fire, Koffein und Adrenalin peitschen mich von alleine über die Hügel, es ist überhaupt nicht mehr anstrengend. Zumindest für mich auf dem Gravelbike und Michael auf dem Rennrad. Wieland auf dem Trekkingrad beendet den Kampf um 11:10 Uhr: er biegt ab auf die „nur“ gut 100 Kilometer lange Ostalb Classic Route. Wahnsinn, mit welcher Geschwindigkeit er das Trekkingrad über 70 Kilometer lang über die Hügel geprügelt hat.
Michael und ich sind also nur noch zu zweit und dürfen gleich mal ein großes Highlight genießen: eine kürzlich eingerichtete Außerorts-Fahrradstraße, die mich auch beruflich schon beschäftigt hat. Ein sehr gelungenes Projekt. Unsere Gespräche kreisen sich jetzt um Fahrradpolitik, die neue Verkehrsministerin und das Stuttgarter Radverkehrskonzept. Wir sind uns einig, dass hier in der Ostalb Fahrrad fahren 100 Mal mehr Spaß macht als im Großraum Stuttgart. Ganz vieleverkehrsarme Asphaltsträßchen durch schöne Landschaft, und wenn doch mal mehr Verkehr herrscht, ist die Arschlochquote deutlich niedriger als in und um Benztown und man wird nicht - zuletzt am Donnerstagabend erlebt - ständig in gefährliche Manöver gedrängt.
Um 11:54 Uhr gibt's Maultaschen und Blasmusik: Die zweite Verpflegungsstation weiß zu begeistern. An der Station, die direkt am Kocher-Jagst-Radweg liegt, kommen Classic- und Limes-Route nochmal kurz zusammen, danach trennen sie sich endgültig. Und wir merken schnell: jetzt wird es einsam. Nur noch wenige andere Radler, keine Streckenposten mehr, nur noch wenig Jubel am Straßenrand. Die Routenführung ist weiterhin sehr attraktiv, die Anstiege werden irgendwie nicht weniger. Wir blicken erst Richtung Nördlinger Ries, später dann Richtung Albtrauf.
Praktisch bei kurvenreichen Anstiegen im offenen Gelände: man erkennt an den anderen Radlern die bevorstehende Routenführung. Unpraktisch im offenen Gelände: der Seitenwind. Spätestens als eine Windböe mein Fahrrad nach links Richtung entgegenkommendes Auto drückt, habe ich Respekt vor dem Wind und bremse bergab noch mehr.
Bei den Auffahrten sind wir mehr als konkurrenzfähig, wir überholen sehr oft und werden sehr selten überholt. Bergab ist es anders. Schon schön, dass wir einige überholen, die 40 Minuten vor uns gestartet sind. Aber ob wir den Gran Fondo (vor Zielschluss um 19 Uhr) wirklich geschafft hätten? Puh.
Die Beine brennen zunehmend. Wir beide können die Auffahrt benennen, ab der es weh tut. Bei mir war es eine Auffahrt vor Michael. Mein Gegenmittel ist ein Koffeingel, das zweite meines Lebens (das erste kam bei der ersten Alpenüberquerung zum Einsatz, als vor der Schlussauffahrt der M-Preis schon geschlossen hatte). Seit vielen Radtouren habe ich es als Notreserve dabei, heute kommt es nun zum Einsatz - und der ist gar nicht so einfach: im starken Wind kann ich das Ding nicht aufmachen. Ich versuche es ein paar Kilometer später wieder: jetzt geht es auf, aber es kleckert ein bisschen raus. Ich habe jetzt also völlig verklebte Finger...
Um 14:28 Uhr erreichen wir die 3. Verpflegungsstation in der schönen Kapfenburg. Noch mehr als auf Essen freue ich mich auf Hände waschen. Zum Glück ist es nach 14 Uhr und wir können nicht mehr auf dumme Gedanken kommen: nur, wer es vor 14 Uhr zur dritten (und vor 17 Uhr zur vierten) Verpflegungsstation schafft, kann den Gran Fondo zu Ende fahren. Wären wir wie geplant 40 Minuten vorher gestartet, hätten wir es schaffen können...
Auf der Limes-Tour sind es jetzt nur noch 20 Kilometer. Jetzt brennt nichts mehr an. Aber Michael hat Feuer gefangen: ich hatte einen Colabecher, er hatte drei oder vier. Das war dumm von mir. Ich habe keine Chance, an seinem Hinterrad dranzubleiben, und der Gegenwind ist stark. Michael nach der 3. Verpflegungsstation ist wie ich nach der 1. Verpflegungsstation, on fire.
Ein paar Höhenmeter sind noch zu meistern, bevor die lange Abfahrt von der Alb nach Aalen belohnt. Im eigentlich recht flachen Aalen schafft es die Routenführung, noch 50 Höhenmeter zu finden. Im vorletzten Anstieg überhole ich fluchende Rennradfahrer, die noch fertiger sind als ich.
Drei Kilometer vor Schluss hechele ich Michael zu, dass es für mich passt, wenn er alleine loszieht und zum Schlusssprint ansetzt. Ein paar Körner habe ich auch noch und überhole noch ein paar Rennräder, aber Michael hat noch mehr Körner und erreicht das Ziel 25 Sekunden vor mir.
15:40:20 Uhr zeigt die Uhr, als ich über die Ziellinie rolle. Das bedeutet 8:00:38 Stunden für 160 Kilometer, also eine Reisegeschwindigkeit inklusive Pausen von genau 20 km/h. Inklusive Hin- und Rückfahrt vom Bahnhof waren es am Ende 165,6 Kilometer und 2.412 Höhenmeter. Für den Gran Fondo hätten wir (wenn wir um 7 Uhr hätten starten können) für 240 Kilometer 12 Stunden Zeit gehabt. Also 20 km/h Reisegeschwindigkeit. Ob wir diese Geschwindigkeit 80 weitere Kilometer und 800 weitere Höhenmeter durchgehalten hätten? Puh.
Die Frage stellen wir uns dann nächstes Jahr wieder. Jetzt genießen wir erstmal die Stimmung und das gute Wetter im Zielbereich. Wir schlendern noch eine Runde durch das Festgelände und ins Festzelt und gönnen uns einen Espresso (und eine Ostalb Giro Espressotasse).
Das Event hat uns voll überzeugt: Eine grandiose Routenführung; eine perfekte Organisation; alle, Organisatoren wie Teilnehmer, voll entspannt; viele begeisterte Zuschauer am Streckenrand, die mit Rasseln und Kuhglocken Stimmung machen; und auch das Wetter quasi ideal, kein Regen und nicht zu heiß. Man hat das Gefühl: die ganze Region macht mit. Insofern hat uns heute nicht nur der Ostalb Giro überzeugt, sondern auch die Ostalb.


























