Plön und Eutin – die bekanntesten Städte in der Holsteinischen Schweiz sind auch die schönsten. Beide sind umgeben von großen Seen und bereichert durch ein markantes Schloss, das so heißt wie die Stadt. Aber auch außerhalb der bekannten Städte gibt es herrschaftliche Güter und Schlösser: Gut Kletkamp, Gut Panker, Schloss Salzau, Gut Nehmten und das Seedorfer Torhaus liegen direkt an der 200 Kilometer langen Holsteinischen Schweiz-Radtour. So wie auch Kloster Preetz und zahlreiche schöne Kirchen. Und dann ist da ja noch die Ostsee, deren Ufer man rund um Hohwacht mehrere Kilometer lang folgt. Kurzum: es ist eine abwechslungsreiche Radrunde, die wir uns im März 2026 vorgenommen haben. Ich bin vorher auf dem Elbe-Radweg von Stade nach Cuxhaven geradelt, Wolfgang ist direkt aus Berlin angereist.
Sensationellerweise hat erstmals meine Bahn-Anreise funktioniert und die von Wolfgang nicht. So hatte ich, um auf ihn zu warten, unerwartet eine Stunde Aufenthalt im schönen Lübeck, wo ich eine leckere Kaffeerösterei gefunden habe.
In Eutin steigen wir aus dem Zug und fragen uns: was macht die graue Wolke da? Heute Morgen an der Elbe bin ich im Nebel geradelt, dann bei Traumwetter Bahn gefahren, und kaum sitzen wir wieder auf den Rädern, ist wieder alles grau. Was weder der Wetterbericht noch wir wissen: daran wird sich bis morgen Abend nichts mehr ändern.
Also Handschuhe an, Kälte möglichst ignorieren – und mich über die vielen Anstiege wundern. An drei Tagen in der Holsteinischen Schweiz werden wir insgesamt 1.844 Höhenmeter sammeln. Mehr Schweiz als Holstein. Ein gutes Trainingslager – aber wir denken laut drüber nach, das nächste März-Trainingslager auf Mallorca zu verbringen, wo es 20 Grad wärmer ist.
Das überraschend anspruchsvolle Höhenprofil erfolgt auf wunderschönen kleinen Straßen. Und wenn es doch mal eine größere Straße mit mehr Verkehr gibt, ist immer ein begleitender Radweg daneben. Zwar übersät von Wurzeln, trotzdem gut.
Höhepunkt an diesem ersten Nachmittag ist der Bungsberg, mit 168 Metern der höchste Gipfel Schleswig-Holsteins. Beide Aussichtstürme sind im März geschlossen, den angeblichen Skilift gibt es nicht mehr, es gibt am Gipfel selbst nicht einmal ein Schild mit dem Namen des Bergs – und ja, es ist weiterhin arschkalt. Aber hey: Nummer 15 von 16 erreicht. Jetzt fehlt mir nur noch der höchste Berg von NRW, dann war ich mal auf allen höchsten Gipfeln der deutschen Bundesländer.
Ein paar neblige Kilometer weiter erkennen wir den Abschnitt an der Ostsee wieder: Bei unserer Deutschlandreise 2020 von Sylt nach Oberstdorf waren wir unter anderem dem Ostseeküsten-Radweg gefolgt. Im Gegensatz zur Nordsee heute Morgen sieht man die Ostsee heute Abend, sie ist nicht komplett im Nebel versunken.
Komplett durchgefroren – es sind 3 Grad – erreichen wir unser Hotel in Hohwacht. Die Sauna hat nur bis 20 Uhr geöffnet, das wird zu knapp mit Abendessen. Für Sauna hätte also Wolfgangs Zug pünktlich sein müssen. Dafür hatte ich in Lübeck den Kaffee in der Sonne. Überall anders scheint nämlich die Sonne, nur in Meeresnähe nicht... Wir wärmen uns also nur unter der Dusche und bald darauf mit einem Burger.
Das Frühstücksbuffet am nächsten Morgen ist der Wahnsinn. Von Lachs über Mett, Caprese, knusprigem Sauerteigbrot, grandioser Käseauswahl und Siebträger-Cappuccino ist alles dabei, was man zum Prokrastinieren braucht, wenn man nicht in die graue Suppe raus will. Im Breisgau hat es heute 16 Grad, bei uns sollen es maximal 6 werden…
Es ist kalt, hügelig und neblig. Der Selenter See unterscheidet sich kaum vom grauen Himmel im Hintergrund. Um 12:20 Uhr machen wir in Preetz zum ersten Mal eine längere Pause. Erstmal aufwärmen. Backwaren statt Backstein. Eine knarzige Rentnerin fragt die Kassiererin: „Was kostet dieses Croissant?“ – „1,65€“ - "Ganz! Schön! Heftig!" Die Dame sollte mal nach Stuttgart reisen und schauen, was Croissants weiter südlich kosten… Schlecht gelaunt verlässt sie die Bäckerei und zieht weiter, woanders pöbeln.
Wir setzen uns frierend wieder aufs Rad und fahren durch die menschenarme Landschaft. Rehe sind heute schon direkt vor uns über den Radweg gesprungen, Kaninchen haben wir gesehen und Hühner. Andere Radfahrer eher nicht.
Um 15:30 Uhr haben wir unsere Tageshöchsttemperatur erreicht: Sensationelle 7 Grad. Laut Wetterbericht hätte es ab 15 Uhr sonnig werden sollen, aber da wurde uns zu viel versprochen, es bleibt grau.
Auf der relativ sinnlosen Schleife vor Plön ist eine Brücke gesperrt, sodass wir zurück nach Lappland fahren müssen, um dann kurz vor Berlin in die Weitewelt abzubiegen. Nein, die Kälte hat uns nicht das Hirn eingefroren, die Orte heißen tatsächlich so. Und in Lappland fährt sogar ein Bus direkt nach „Berlin, Unter den Linden“. Also normalerweise, wenn nicht die Brücke gesperrt ist.
Nach richtig harten, durchgehend kalten 130 Kilometern erreichen wir unser Hotel in Plön. Unser Ehrgeiz hat gehalten – wir haben keine der beschilderten Schleifen abgekürzt und schon gar nicht sind wir in Preetz auf den Zug umgestiegen. Aber jetzt freuen wir uns auf die warme Dusche. Und müssen danach kalte Kleider anziehen, natürlich ist alles in den Packtaschen kalt…
Den Tag, an dem man häufiger Wasser lassen musste, als man Wasser getrunken hat, lassen wir bei leckerem italienischem Essen im Erdgeschoss des Hotels ausklinken. Wir wollen beide nicht mehr raus, geschweige denn aufs Fahrrad steigen. Wenn man sich den Himmel blau, die Bäume grün und die Felder gelb vorstellt, dann ist das heute eine richtig tolle Etappe gewesen. Für uns war sie halt grau in grau und durchgehend kalt. 130 Kilometer, 1000 Höhenmeter, 0 Sonnenminuten.
Am letzten Tag fehlen uns noch etwa 40 Kilometer bis nach Eutin. Straßenkilometer wären es nur 13, die Radroute hat also wieder ein paar Schleifen auf Lager. Wir starten bei knackigen -2°C – aber die Sonne scheint! Und das wird heute den ganzen Tag so bleiben. Die Quälerei der Vortage wird am Abschlusstag belohnt. Auf einmal sind die Wiesen grün und die Seen blau. So muss das.
Nach 27 Kilometern sind wir in Bad Malente und haben schon wieder 265 Höhenmeter gesammelt. Das Höhenprofil in der Holsteinischen Schweiz ist bei weitem nicht so flach wie meine Ortsnamen-Witze, die zuverlässig an jedem Ortsschild Wolfgangs Ohr erreichen.
Auf einem schönen wurzeligen Pfad geht es am Ufer des Kellersees entlang. Nun ist es wirklich nicht mehr weit: in Eutin schließt sich der Kreis, wir haben einen schönen Radfernweg er-fahren. Eine letzte gemeinsame Mahlzeit beim einzigen geöffneten Bäcker, dann steigen wir in unterschiedliche (Batterie)züge und starten die Rückfahrt.
Beenden wollte ich die Radreise durch die Holsteinische Schweiz eigentlich mit einem Schweizer Abendessen im Speisewagen eines Schweizer Zuges. Leider gibt es als Ersatzzug einen ICE mit Speisewagenstörung. So schnell kommt man von der Schweiz zurück in die deutsche Realität… Mit über einer Stunde Verspätung und mal wieder völlig durchgefroren vom ewigen Warten auf dem Bahnsteig in Mannheim schaffe ich es aber irgendwann nach Mitternacht zurück nach Hause.























