Am Fischmarkt hatte ich ein letztes Foto gemacht, dann bin ich zum Bahnhof geradelt und zurück nach Hamburg gefahren. Damals, an diesem stürmischen 1. Mai vor 16 Jahren, wollte ich von Stade nicht weiterradeln nach Cuxhaven.
| 01.05.2010 |
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| 19.03.2026 |
Das Fotomotiv von damals ist auch heute noch schön. Nach zwei Tagen Fahrradkonferenz in Stade genieße ich am Fischmarkt noch mit Edwin einen Siebträger-Espresso in der Sonne, dann schwinge ich mich auf den Sattel und holpere über das Kopfsteinpflaster aus der Altstadt raus Richtung Elbe-Radweg.
Edwin begleitet mich noch etwa 20 Kilometer, also die erste Hälfte meiner abendlichen Etappe. Übernachten werde ich in Freiburg – nicht das im Breisgau, sondern das an der Elbe. Stade lassen wir schnell hinter uns, erahnen den Standort des früheren AKW, fotografieren eine in den Himmel ragende Klappbrücke und im Hintergrund die Elbe, die hier wirklich breit ist. Einen breiteren Fluss als die Elbe hinter Hamburg gibt es in Deutschland nicht. Große Containerschiffe erspähen wir leider keine.
Der Wind kommt natürlich von vorne, aber nicht allzu stark. Die Sonne geht allmählich unter – und das in den schönsten nur erdenklichen Rottönen. Damit das Ganze nicht zu romantisch wird, schrecken mich drei Hirtenhunde auf. Eine Schafherde grast rechts von mir auf dem Damm, umgeben von einem Elektrozaun. Ich sehe ein frisch geborenes Lamm, sozusagen ein Deichkind. Vor allem aber achte ich auf die drei Aggrohunde. Ich bin froh, dass sie offenbar zu dumm sind, um über den gar nicht so hohen Zaun zu springen, aber habe Angst, dass der Zaun einfach irgendwann aufhört – Erinnerungen an das kroatische Hinterland werden wach. Warum bellen sie mich so aggressiv an und verfolgen mich? Sie sollen gefälligst die Schafe schützen und nicht Radfahrer angreifen. Ich muss daran denken, dass Donald Trump das Verteidigungsministerium in Kriegsministerium umbenannt hat. Das sind keine Verteidigungshunde, das sind Kriegshunde. Zum Glück ist der Zaun dicht, ich lasse die Schafherde hinter mir, das wütende Kläffen verstummt allmählich.
Wenige hundert Meter später liegt links von mir ein zerfetztes Lamm. Wow. Waren die Hunde deshalb so aggressiv, weil sie kürzlich einen Angriff nicht verteidigen konnten? Man erkennt nur an der herumliegenden Wolle, dass es sich beim toten Tier um ein Lamm handelt, der Körper ist völlig zerfetzt. Wer war das? Gibt es hier Wölfe? Greifvögel? Ein hungriger Radfahrer war es wohl eher nicht…. Man muss nicht bis ins kroatische Hinterland, um Dunkelheit, Einsamkeit und wilde Hunde gruselig zu finden. Es reicht der Elbdeich vor Freiburg.
Kurz vor dem Zielort mache ich noch einen kurzen Abstecher auf den Aussichtsturm „Naturblick“. Eigentlich, um die letzten Rottöne am Himmel zu fotografieren. Aber die Fenster lassen einen nur nach Osten blicken, ins Naturschutzgebiet. Im Hintergrund der Natur schon wieder ein stillgelegtes AKW, diesmal das von Brokdorf.
Ich erreiche schließlich mein Zimmer in Freiburg. Es ist das dritte Mal, dass ich eine Unterkunft über Airbnb gebucht habe – zum ersten Mal gibt es das Zimmer tatsächlich und ich kriege es nicht kurz vorher wieder storniert. Das Wlan geht zwar genauso wenig wie der Fernseher, und die Nudeln muss ich in drei Portionen auf den Mini-Teller verteilen, aber Hauptsache ein Dach über dem Kopf. Das Fahrrad kann man nirgendwo anschließen und die enge Treppe ist echt steil – aber es ist hier dermaßen dunkel, dass ich zuversichtlich bin, dass kein Dieb mein Fahrrad finden wird.
Am nächsten Morgen ist das Fahrrad tatsächlich noch da. Und der Bäcker hat um kurz nach sechs schon offen. Ich bestelle Cappuccino und frische Backwaren. Aus dem Backstage ruft es: „Ladde odä Cabbudschinoo?“ Ich liebe den nordischen Dialekt und die Menschen, die ihn sprechen.
Während ich frühstücke, höre ich, wie sämtlichen Stammkunden erklärt wird, dass der Bäcker ab sofort montags geschlossen hat. Das Heizöl ist so teuer geworden, dass sich das nicht mehr lohnt. Große Weltpolitik in der kleinen Dorfbäckerei. Vielleicht habe ich auch deshalb gestern keine großen Schiffe gesehen, weil die alle in der Straße von Hormus festhängen?
Freiburg hatte ich gestern Abend nur bei Dunkelheit gesehen, heute früh nun im Nebel. Bei 1 Grad Celsius schwinge ich mich aufs Fahrrad. Der Nebel gefriert am Bart, Kondenswasser tropft vom Helm auf die Brille, die Füße frieren. Aber sonst: mega! Totale Einsamkeit, nur Wildgänse und andere Vögel, keine stinkenden Autos, kein Regen, und auch der Wind (er kommt zum Glück aus Norden und nicht aus Westen) ist ok.
„Nach ca. 14 km diesen Weg nach links verlassen“, sagt der Routentext im Bikeline-Buch. Da ist schon klar, dass man es mit einer wenig abwechslungsreichen Streckenführung zu tun hat. Karte E7 ist dieser Endgegner: Auf den 14 Kilometern vor dem Abzweig nach links passiert ziemlich genau nichts. Mir begegnen auf diesem Abschnitt genau zwei Menschen: der eine hat seinen Hund an der Leine, der andere hat ihn im Kofferraum. Der mit dem Hund an der Leine grüßt mit „Moin“, ohne dass ihm die Zigarre aus dem Mund fällt. Profi.
Das Oste-Sperrwerk ist freitags gesperrt, drum muss ich einen Umweg herum fahren. Aber nun ist die Routenführung etwas abwechslungsreicher und es wird auch etwas wärmer. Westlich von Otterndorf habe ich das Vergnügen, direkt an der Elbe entlang zu radeln, die an dieser Stelle 17 Kilometer breit ist. Das andere Ufer erkennt man im Nebel natürlich nicht, sodass es genauso gut schon die Nordsee sein könnte. Der Sandstrand, der von Tidenhub zeugt, zeigt, dass der Übergang von Fluss zu Meer fließend ist.
Mit dem riesigen Fabrikgelände eines Windkraftanlagenherstellers beginnt das Industriegebiet von Cuxhaven. Es riecht nach Fisch und Fischmehl. Vorbei an Fischhallen, in denen in erster Linie Fisch verkauft wird, aber auch an Erotikshops und Outletgeschäften, nähere ich mich der Alten Liebe, die natürlich ein Leuchtturm ist. Der Uferweg zur Kugelbake ist gesperrt, sodass ich die alte Festung an der Elbmündung auf meinen nächsten Cuxhaven-Besuch verschiebe. Heute lasse ich mich nur noch vom Tröten der Helgoland-Fähre erschrecken, genieße den Blick von der durchbetonierten Seebäderbrücke und kaufe mir ein Fischbrötchen. Dann geht’s zum Bahnhof, wo ich – nach immerhin 61 geradelten Kilometern – tatsächlich den 10:09 Uhr-Zug nach Hamburg bekomme. Die Bahn bringt mich von der Nord- Richtung Ostsee: in den nächsten Tagen werde ich mit Wolfgang den Holsteinische Schweiz-Radtour genießen. Aber jetzt genieße ich erstmal das Fischbrötchen und den bequemen Zug mit Fußstützen und riesigem Fahrradabteil.






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