Steiermark statt Schwäbischer Alb

Mistwetter, Mozart und Millionärswitwen: Salzburg entspricht mal wieder dem Klischee. Die Anreise mit dem Deutschland-Ticket hat überraschend problemlos funktioniert, die eingeplanten zwei Stunden Puffer konnte ich für einen Kaffee mit Fabian in München und nun eine kleine Radrunde durch Salzburg einsetzen. Um 16:07 Uhr steige ich schließlich in den ICE nach Graz, in den ich - für deutlich mehr Geld - auch schon in Esslingen hätte einsteigen können. 



Die Radreise mit den südtiroler ex-Kollegen sollte heuer eigentlich durch die Schwäbische Alb zum Bodensee führen. Doch in the Länd ist mal wieder baubedingt die dafür notwendige Bahnstrecke gesperrt, der Ersatzbus nimmt keine Fahrräder mit. Deshalb relativ spontan - so spontan, dass es für den ICE in Deutschland keinen Sparpreis mehr gab - umgeplant. Neues Ziel: die Steiermark. Ausgehend von Graz wollen wir den östlichen Teil der Weinland Steiermark Radtour erradeln. 

Wenn ich schonmal in Graz bin, fröhne ich noch dem Zweithobby und sammle ich die vier Straßenbahnstrecken, die ich bislang noch nicht gefahren bin. Und Gunnar, bei dem ich übernachte, überrascht mich mit einem großen Alumni-Treffen beim Abendessen.




Zehn Fahrradkilometer zu einem Bäcker am Stadtrand, dort ist der Treffpunkt mit den drei Südtirolern, sie kommen mit dem Auto. Harald überbrückt den ersten Teil der Etappe mit der Bahn – das wird sich später als sehr clevere Taktik herausstellen, weil er trocken ankommen wird. Wir anderen drei schwingen uns von Beginn an auf den Sattel und erklimmen die Laßnitzhöhe. Den Weg in diesen Kurort mit hoher Ärztedichte kenne ich schon von meiner Österreich-Radreise 2021, er gefällt mir auch beim zweiten Mal.

Weiter Richtung Gleisdorf und Weiz fahren wir meist durch Obstanbaugebiete. Ab dem Moment, wo dann Obstanbau durch Weinanbau ersetzt wird, wird es steil. Mehrere kurze Rampen zwingen uns in unsere kleinsten Gänge.



Das Höhenprofil kostet Körner, die größere Herausforderung ist aber das Wetter: aus dem leichten Niesel wird schnell ein stärkerer Regen. Bei Kilometer 65, in einer schönen Klamm, ziehen wir doch auch die Regenhosen an. Die Regenkleidung glänzt, die Hinterräder spritzen. 


Bei Kilometer 80 halten wir an einem Trinkbrunnen. Der Regen hat sich wieder beruhigt, es nieselt jetzt nur noch leicht. Weil man bei dem Wetter nicht stehenbleiben und auskühlen will, radeln wir einfach weiter – und sind schon vor 17 Uhr bei der Unterkunft in Hartberg. Das hatten wir glaube ich in zwölf Jahren gemeinsamer Radreisegeschichte noch nie. 




Zum Glück haben wir dieses Mal Einzelzimmer, dadurch gibt es genug Platz, um die nassen Sachen aufzuhängen. Das sind nämlich sehr viele. 

Hartberg ist schön. Aber ich kenne es schon, von einer Dampfbahn-Weihnachtsfahrt und der Österreich-Radreise. Entsprechend wenig motiviert bin ich, zum Abendessen zwei Kilometer durch den Regen ins Zentrum zu laufen. Die anderen drei überzeugen mich von einem leckeren Abendessen am Hauptplatz. Es ist zwar schwierig, den schönen Platz ohne störende Autos zu fotografieren, aber das Essen ist tatsächlich sehr lecker. Und ich frage mich, ob ich es beim Gepäck sparen vielleicht doch übertrieben habe – hätte ich ein zweites Paar Schuhe eingepackt, müsste ich auf dieser Reise nicht ständig meine Fahrradschuhe föhnen.


Große Sensation am nächsten Morgen: die Sonne scheint! Und zwar schon seit 5:09 Uhr. Der Sonnenaufgang hier im Osten Österreichs erfolgt überraschend früh. Es ist zwar bewölkt, aber Hauptsache trocken. Wir freuen uns über das Wetter und über die schöne wellige Wegeführung nach Bad Waltersdorf.



Einem Bach namens Safen haben wir zu verdanken, dass es vorübergehend etwas flacher wird. Wir fahren durch Weinberge, ohne Wein zu trinken und durch das steirische Thermenland, ohne eine Therme zu besuchen. Irgendwas machen wir falsch… Aber immerhin machen wir einen Abstecher zur Rogner Therme Bad Blumau und bewundern die Hundertwasser-Architektur.

Die vorerst letzte Therme ist Loipersdorf. Jetzt geht es wieder auf und ab, das Flachstück ist vorbei. Eigentlich wollten wir in Loipersdorf Mittagessen, aber nichts lacht uns so richtig an und die Beine sind noch frisch. Also weiter nach Unterlamm. Nicht ohne einen lohnenswerten Abstecher: Alex hat einen vielversprechenden Aussichtsturm gespottet und führt uns durchs Gemüse hinauf. „Seppl’s Rastplatz“, der Durstlöscher Wagen und nicht zuletzt die Aussicht vom Turm: eine der schönsten Radlraststationen, die ich je gesehen habe. 








Der Gasthof in Unterlamm hat keine Speisekarte draußen. Drinnen auch nicht. „Habt's was zum Essen auch?“, fragen wir die Kellnerin. Ja: Schnitzel, Cordon Bleu und Backhendelsalat. Zum Glück sind wir keine Vegetarier. Es wird für uns extra das Licht im Gastraum angeschaltet und die Küche angeworfen. Vom Tresen, wo betreutes Trinken zelebriert wird, schallt Dschingis Khan herüber. Die Pommes sind gesalzen, die Rechnung auch. 


Gut 60 Kilometer und 700 Höhenmeter haben wir schon, ungefähr genauso viel müssen wir noch. Unterlamm bietet sich also an für eine Mittagspause. Die Landschaft begeistert uns weiterhin. Andere Reiseradler haben wir heute noch keine getroffen, die haben sich vermutlich vom Wetterbericht abschrecken lassen. Eventuell ist sie tatsächlich noch ein Geheimtipp, diese Weinland Steiermark Radtour.

Nach einer steilen Abfahrt ins Raabtal wird es kurz flach, dann geht es wieder bergauf - aber mit Rückenwind! Eine irre schöne asphaltierte Ministraße führt uns durch einen ruhigen Buchen-Mischwald. Man hört nur Vögel und acht Fahrradreifen. So könnte es ewig weitergehen.

Nach dem letzten langen Anstieg plündern Alex und ich einen SPAR-Markt. Immer wieder beeindruckend, wie viel man beim Fahrradfahren essen kann/muss. Und gleich danach kommt schon das nächste Highlight: St. Anna am Aigen. Nach dem schönsten Fahrrad-Rastplatz ever heute Mittag folgt nun der schönste Fahrrad-Aussichtspunkt ever. Das Ortszentrum von St. Anna muss vor nicht allzu langer Zeit komplett umgestaltet worden sein, mit Aussichtsplattformen nach links und nach rechts runter. So einen schönen Dorfplatz hat man nicht auf jeder Radreise.



Der Eiserne Vorhang wird heute durch eine Regenfront symbolisiert – das erahnt man schon von St. Anna aus, wir müssen uns das aber natürlich aus der Nähe anschauen... Nach einer steilen Abfahrt erreichen wir die slowenische Grenze - und den Regen. Parallel zur Grenze holpern wir nun über Kies und Beton. 


An der Grenzstation Pölten stellen wir uns vor dem Regen unter. In der Grenzstation sitzt tatsächlich ein Zöllner - allerdings einer aus Wachs. Von 1830 bis 2004 saßen hier Zöllner aus Fleisch und Blut.

Am Ende des Geholpers erreichen wir Bad Radkersburg. Die Altstadt ist sehr schön, wird von uns aber relativ schnell durchradelt, die Vorfreude auf die Dusche ist größer als das Verlangen nach Stadtbesichtigung. Wir überqueren die Mur und somit erneut die slowenische Grenze und stehen nach insgesamt 115 Kilometern vor unserem Appartment. Ein bisschen unnötig, dass wir am Ende nochmal so nass geworden sind, eine wunderbare Etappe war es trotzdem. Es gibt nur eine Dusche, deshalb dauert es noch ein bisschen, aber wir freuen uns schon auf unsere Pizzerija und Spaghetterija.


Eigentlich wollten die anderen drei am dritten Tag von der Unterkunft weiter Richtung Graz radeln. Für mich wäre Bad Radkersburg – Graz radeln zu viel gewesen, weil ich schon mittags in Graz den Zug kriegen muss. Deshalb mein Plan: Mit dem Zug von Bad Radkersburg nach Spielfeld-Straß (angenehmer Nebeneffekt: die Strecke bin ich noch nie gefahren) und erst da auf den Mur-Radweg nach Graz einschwenken. 

Überraschende Wendung am späten Abend: die anderen passen ihren Plan an und wir verbringen den dritten Tag doch auch gemeinsam. Das heißt: sehr früh aufstehen, um den ersten Zug nach Spielfeld zu kriegen – und uns freuen, dass der slowenische Bäcker schon geöffnet hat. In Rekordzeit stopfen wir uns die Bäuche voll. Der Bäckerin ist höchstnotpeinlich, dass sie mir für den Kefir zu viel Geld abkassiert hat. Das zu viel abgebuchte bekomme ich bar ausgezahlt, habe jetzt also deutlich mehr Gewicht mitzuschleppen. Da hätte ich auch ein zweites Paar Schuhe mitnehmen können…

Aus dem Zugfenster entdecken wir Fasane, Hasen, einen Mäusebussard und Rehe – also in etwa das, was wir auch gestern auf dem Fahrrad entdeckt hatten. Die Südoststeiermark scheint eine regelrechte Hasenplage zu haben. 

In Spielfeld tauschen wir Zugsitz gegen Fahrradsattel und biegen auf den Mur-Radweg ein. Hier ist so früh alles noch ausgestorben, offensichtlich sind wir die ersten Radler des Tages - die auf dem Radweg liegenden Enten rechnen noch nicht mit uns. 

Der Wind weht weiterhin aus Norden. Gestern Nachmittag hieß das: Rückenwind. Heute heißt es: Gegenwind. Wir kommen trotzdem flott voran. Der Pulsunterschied beträgt bei gleicher Geschwindigkeit zehn Schläge pro Minute zwischen vorne im Wind und hinten im Windschatten.



Wir fahren einen Bogen durch Leibnitz. Allmählich schlängelt sich die Route danach zurück zur Mur. Parallel zum Fluss nähern wir uns schnell Graz. Es wird zunehmend voller und urbaner. Die 60-Kilometer-Etappe endet an einem hübschen Café, das die Speisekarte auf Kaffeebeutel tackert. Ich nutze die Toilette als Umkleidekabine, weil ich umswitchen muss von Radreise auf Bahnrückfahrt. Just in time verabschiede ich mich von den drei Südtirolern und rolle zum Bahnhof. Um 11:45 Uhr startet der Interregio, mit dem ich bis Bischofshofen bummeln werde. Zurück nicht Koralmbahn, sondern Ennstal - Geographen fahren ja ungerne den selben Weg zurück... Zeit zum Lesen, essen, Fotos aussortieren - und um eine wunderschöne Radkurzreise durch die Steiermark zu verarbeiten. Die Schwäbische Alb können wir ja nächstes Jahr nachholen. Noch schöner als der Plan B kann das aber kaum werden.