Esslingen - Basel an einem Tag (255 km)

Seit sieben Jahren wohne ich wieder in Deutschland. Also sieben große Radreisen mit Wolfgang mit Startort Esslingen. Fünf Mal hat die Bahn die Anreise komplett verkackt. Warum nur fünf von sieben? Einmal (2024) sind wir Flixbus gefahren (pünktlich), einmal (2021) bin ich ab der Haustür Fahrrad gefahren (problemlos). Morgen werde ich wieder ab Haustür radeln, die Deutsche Bahn, die sich 2026 an Unzuverlässigkeit selbst übertrifft, kann mich mal am größten Fluss Italiens lecken...

Wolfgang kommt am Freitagmorgen mit dem Nachtzug aus Berlin in Basel an, da startet die gemeinsame Reise. Ich habe einen Tag Zeit, um nach Basel zu kommen. Das sind 250 Kilometer, so viele bin ich noch nie an einem Tag geradelt. Challenge accepted.

Wieland begleitet mich (ab Tübingen) nach Basel, ich muss die Challenge also nicht alleine schaffen. 

Am Vorabend gehe ich in den Fahrradkeller und will Wieland den Scherz schicken, dass ich diesmal keinen Speichenbruch habe. So war das nämlich bei unserer letzten >200km-Tour (und ich musste mit dem schweren Reiserad nach München fahren).

Speichenbruch habe ich tatsächlich keinen. Dafür einen Platten. Shit. Meine Laune war eh schon schlecht, weil die brunsverreckte Bahn mal wieder 1,5 Stunden gebraucht hatte, um mich die 13 Kilometer von Stuttgart nach Esslingen zu bringen, jetzt bin ich richtig wütend.

Zum Glück kann mich meine Freundin nicht nur beruhigen, sondern auch helfen, den viel zu engen Mantel rauszuhebeln. Die Reparatur dauert ewig, aber gelingt. Danach noch schnell packen. Das Gravelbike samt vier Taschen und zwei vollen Flaschen wiegt 23,5 kg. Letztes Jahr (Zittau - Split mit Reiserad und Zelt) kam ich auf ein Gesamtgewicht von 38,5  kg. Das ist ein gewaltiger Unterschied.

Ob ich mit dem leichteren Rad auch tatsächlich 250 Kilometer an einem Tag fahren kann, wird sich gleich zeigen. Aber erstmal noch einen Berg Seitenbachermüsli essen und einen Siebträgerkaffee trinken, dann geht es los. Um 4:50 Uhr schwinge ich mich auf den Sattel. 




Wieland und ich haben uns um 7 Uhr bei einem Bäcker in Tübingen verabredet. Um 6:56 Uhr bin ich da. Gutes Timing. Wieland kommt auch pünktlich. Das hätten wir mit der Bahn niemals geschafft... Die ersten 500 Höhenmeter und die ersten 42 von insgesamt 250 Kilometern hab ich schon geschafft. Da hat man sich ja wohl ein 2. Frühstück verdient🤭

Die ersten zwei Stunden von Esslingen hierher waren recht entspannt. Angenehme Temperatur, kaum Verkehr, abwechslungsreiche Strecke. Am Anfang noch dunkel, nach einer Stunde hat sich dann über Aichtal die rote Sonnenkugel nach oben geschoben. Die wird uns später noch ordentlich einheizen. Aber jetzt heizt erstmal der Kaffee. 

Und es heizen die S-Pedelecs: drei davon haben mich vor Tübingen überholt. Schon seltsam, wenn man auf dem Radweg 30 km/h fährt und scheinbar mühelos überholt wird. Aber offensichtlich eine tolle Möglichkeit, emissionsfrei auch weitere Strecken zur Arbeit zu pendeln - wenn wie rund um Tübingen die Radwege für S-Pedelecs freigegeben sind. 










Ist Tübingen eine niederländische Kolonie? Den Eindruck gewinnt man, wenn man im morgendlichen Berufsverkehr eine der Fahrradhauptachsen entlangfährt. 

Wir sind jetzt zu zweit unterwegs, also kein Hörbuch mehr ("Dear Britain", sehr interessant), sondern Gespräche mit Wieland (noch interessanter). Richtung Hechingen geht es kaum merklich leicht bergauf. Wir sind flott unterwegs und genießen, dass es noch relativ kühl ist. Mittlerweile sind wir nicht mehr im Königreich Württemberg, sondern im Fürstentum Hohenzollern-Hechingen (Burg Hohenzollern ist nicht zu übersehen). Die mobilen Daten können wir aber vorerst anlassen, da müssen wir erst später in der Schweiz aufpassen. 

In Bisingen machen wir einen Stopp bei der Bäckerei Gulde. Die habe ich als Lieblingsort in Google Maps gespeichert, seit ich bei einer Wanderung mal erleben durfte, dass in den Schokocroissants gefühlt 500 Gramm Nutella stecken. Daran hat sich seit dem letzten Besuch nichts geändert, wir sind beide begeistert. 

Mit Schokoüberfüllung im Magen radeln wir weiter am Albrand entlang. Um 10:42 Uhr haben wir die ersten 100 Kilometer voll - und die Blase. Also kurzer Pippistopp im Getreidefeld. Sonst bleiben wir eigentlich nur stehen, wenn uns ein Monster-Mähdrescher keine andere Chance lässt. 

Wir fahren sozusagen durch die Lücke zwischen Schwäbischer Alb und Schwarzwald hindurch. Aber erstmal treibt uns der Durst in den Edeka in Aldingen. Heute kann man nicht genug trinken. 

Danach geht es im schattenlosen Auf und Ab weiter durch den Schwarzwald-Baar-Kreis. Größere Städte wie Rottweil oder Donaueschingen umgeht die Route konsequent, nur der Lkw-Parkplatz der A81 neben unserem Feldweg durchbricht kurz die ländliche Idylle. 

Nach dem Überqueren der Donau geht es nochmal 100 Höhenmeter hoch. Es ist das erste Mal heute, dass die Beine brennen. Oben erreichen wir auf 800 Metern Höhe die europäische Wasserscheide und somit den höchsten Punkt der heutigen Etappe. Was wir nach Norden pinkeln, landet im Schwarzen Meer, was wir nach Süden pinkeln, landet in der Nordsee. Für Kluggescheiße zur rückschreitenden Erosion der Wutach und der Verschiebung der Wasserscheide fehlt mir jetzt die Energie, ich muss erstmal was essen. Zwei französische Motorradfahrer bieten uns zwei Plätze auf ihrem schattigen Rastplatz an. Sie beenden ihren Urlaub heute, ich beginne ihn. 144 Kilometer und knapp 2.000 Höhenmeter sind geschafft, die zweite Hälfte müsste theoretisch schneller und einfacher gehen. Schau'n wir mal. 












Die Abfahrt ins Wutachtal ist ein Genuss. Nur die Viadukte der Sauschwänzlebahn kann ich nicht aus der Nähe fotografieren, dafür fahren wir zu schnell. 

In Stühlingen im Rewe kaufen wir wieder Getränke nach. Und Obst. Es gibt zwar keine guten Fahrradstellplätze, dafür einen Traktor im Rewe. In Deutschland auf dem Land. 

Erst im Rewe merke ich, wie fertig und müde ich mittlerweile bin. Die Hitze schlägt voll zu. Und ich bin halt auch seit kurz nach vier wach. 

Nach dem Kaffee ist immer noch verdammt heiß, aber es rollt gefühlt besser. 

Bis Kilometer 176.

Platten. 

Am Hinterrad. 

Schon wieder. 

Scheiße. 

Wir suchen einen Platz im Schatten. Ich baue das Hinterrad aus. Und wir kriegen den Mantel nicht raus. Auch Wieland, der anders als ich Ahnung von Technik und Fahrradreparaturen hat, kriegt das Scheißding nicht raus. Wir schwitzen, wir kämpfen, wir geben auf. Das Internet bestätigt, dass es dieses Problem mit Schwalbe G One RS-Mänteln häufiger gibt. 

Ich rufe Bike Stuff & Tours an, der nächstgelegene Fahrradladen. Die können helfen, sind aber knapp 6 Kilometer entfernt. Also im Stehen rollern, der anstrengendste Abschnitt des Tages, auch weil man nichts trinken kam, wenn man im Stehen fährt😅

Shame on us: Die Mechanikerin kriegt den Mantel raus. Ich lasse Mantel und Felgenband wechseln. Nie wieder Schwalbe G One RS. Mein Hinterrad rollt jetzt mit einem Specialized Pathfinder.








Ich denke jetzt zwar alle zwei Kilometer, dass ich einen Platten habe. Aber der neue Reifen hält. Wir folgen - mal auf Asphalt, mal auf Kies - weiter der Wutach, bis diese vor Waldshut den Rhein erreicht. Die Aare kommt hier auch dazu und macht aus dem Rhein einen breiten Fluss.

Nach Stunden der Einsamkeit sind rund um Waldshut die Radwege plötzlich wieder voll. Zum zweiten Mal nach Tübingen: Berufsverkehr. Die Straßen sind komplett verstopft, inklusive Ersatzbussen, weil sämtliche Bahnstrecken auf der deutschen Seite gesperrt sind, wie sollte es anders sein... 

Die Schotterwege am Rhein entlang kosten Kraft, zumal bei der Hitze. Wir pfeifen beide aus dem letzten Loch. Mein Körper verlangt Salz. Kurz vor Laufenburg sage ich halb im Spaß: "Wenn jetzt ein McDonald's kommt, werde ich schwach". Kurz darauf kommt überraschend tatsächlich ein McDonald's. Und ich werde tatsächlich schwach. 

Es sind noch 44 Kilometer bis Basel. Aber erstmal lecker Abendessen😂 Die Überlegung: wenn wir jetzt schon essen, müssen wir keine Schweizer Preise zahlen und nicht mehr in dieser Hitze weiterfahren. Es sind auch um 19:30 Uhr immer noch 33 Grad. 

Ich bin überrascht, wie teuer das Restaurant zur Goldenen Möwe mittlerweile ist, außer für Kaffee war ich da schon lange nicht mehr. Aber Salz, Cola, Klimaanlage und Pause tun tatsächlich sehr gut.






Die letzten 44 Kilometer sind unspektakulär. Wir erdulden sie mehr als dass wir sie genießen... Die Beine sind immer noch überraschend frisch, aber der Kopf hat keine Lust mehr und die Hände tun weh. 

Wir sind häufiger auf der schweizer Seite unterwegs - nicht weil da die Fahrradinfrastruktur besser ist und die Autofahrer menschlicher sind, das natürlich auch, sondern, weil man da mehr Flussschleifen abkürzen kann... Mag sein, dass Bad Säckingen und Rheinfelden und so schöne Städte sind, aber die kenne ich alle schon und wir wollen endlich ankommen, in der schönsten aller Städte am Hochrhein. 

Basel ist so ein Traum, mal wieder. Lauer Sommerabend am Rheinufer mit Gitarrenspielern und so. Basel halt. Uns zieht es aber nur noch ins Hotel und unter die Dusche. Um 21:28 Uhr stehen wir am Ortsschild, um Punkt 22 Uhr stehen wir vor unserem Hotel. Geschafft! 255 Kilometer und 2.500 Höhenmeter. Meine längste Radfahrt aller Zeiten. Mission accomplished, trotz Reifenschaden. Morgen kann dann die normale Radreise mit normalen Etappenlängen starten.